10 Kommentare

  1. Nur um das mal für’s Protokoll festzuhalten: Von mir hat noch nie jemand beim Spiegel erwartet, eine Geschichte zu frisieren, und schon gar nicht Matthias Geyer oder Ullrich Fichtner – im Gegenteil. Ich finde auch die Formulierung: „Zumal erste Stimmen von jungen Kolleginnen öffentlich werden, die behaupten: Es sei nicht unüblich in der Branche…“ ein ziemliches Geraune.

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    1. Das glaube ich Ihnen sofort. Es ist ja auch nicht das zentrale Thema meines Textes, dass das Frisieren/Schönen von Geschichten von Vorgesetzten aktiv eingefordert wird – es ist derzeit nur ein Aspekt, der im Windschatten der Diskussionen aufgekommen ist. Zu dem, was Sie als Geraune bezeichnen, habe ich verlinkt (https://www.facebook.com/ronja.vonwurmbseibel/posts/10215437656547017): Eine Kollegin schildert öffentlich und nicht anonym ihre Erfahrungen, ohne aber Namen zu nennen. Ihr wird von zahlreichen Kollegen beigepflichtet. Für mich ist das mehr als Geraune. Und selbst, wenn Relotius tatsächlich ein krasser, einmaliger Einzelfall ist: (Journalistische) Glaubwürdigkeit ist eine Mimose, die deutlich weniger bräuchte, als ihn, um in sich zusammenzufallen: Sie ist in Sachen SPIEGEL derzeit nicht nur angekratzt, sondern erschüttert. Und das erfüllt mich keineswegs mit Häme und Schadenfreude, das finde ich entsetzlich. Es macht mir sogar Angst.

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  2. Ich muss Ihnen da leider zustimmen. Es ist zu befürchten, dass es sich hier nicht um einen Einzelfall handelt, sondern dass der Fall Relotius möglicherweise nur so etwas wie die Spitze des Eisbergs sein könnte . Dass dadurch die journalistische Glaubwürdigkeit Schaden nimmt, ist unvermeidbar. Das ist gefährlich, gerade auch in Zeiten, in denen Journalisten besonders von rechter Seite oft genug mit Fake – News – Vorwürfen konfrontiert werden. Dass die journalistische Glaubwürdigkeit ausgerechnet von Journalisten selbst aufs Spiel gesetzt wird, macht mich sprachlos. Welche „Gründe“ es dafür auch geben könnte (Gier? Geltungssucht?), es ist nicht zu entschuldigen.

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  3. Bin hierüber https://readonmydear.com/2018/12/22/woanders-ist-es-auch-schoen-52/comment-page-1/#comment-11485 auf Ihren ‚zornigen Beitrag‘ aufmerksam geworden. 🙂

    Ihr Zorn ist sehr nachvollziehbar. Nachdenklich, wie zornig machen mich auch folgende Einlassungen:

    „Fälschungen der aufgedeckten Art können passieren. Wirklich stören muss, dass jetzt vom Spiegel der Eindruck erweckt wird, als sei ansonsten alles in Ordnung, als würde der Spiegel ansonsten vor allem die Wahrheit schreiben. Dieser falsche Eindruck zwingt zum Widerspruch:
    Der aufgeflogene Fall ist harmlos verglichen mit der Tatsache, dass sich der Spiegel als Instanz der Aufklärung und der kritischen Begleitung des politischen Geschehens in Deutschland verabschiedet hat. Das ist um vieles schlimmer als die Fälschungen des Redakteurs Relotius. “
    https://www.nachdenkseiten.de/?p=47960

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  4. Ich stimme zu hundert Prozent zu! Und wenn es möglich wäre, dann auch mehr. Und das jetzt als einmaligen Einzelfall darzustellen, grenzt ja schon wieder an Frechheit, Selbstüberschätzung und Überheblichkeit. Danke, Julia Karnick, für den zutiefst wahren und aufrechten Text! Sunnihild Schmidt

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  5. Manchmal fragt man sich in welcher Welt mache Menschen (Journalisten) leben. Der Jounalismus hat sich doch schon vor Jahren von Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit verabschiedet. Gerade beim Spiegel, den kann man doch schon seit Jahren nicht mehr lesen. Die Veränderung geschah doch auch schon vor Jahren. Sinkende Auflagen und Beschwerden wurden ja einigen zuviel und dabei haben sie einfach ihre Kommentarspalten abgeschaltet. Damit Leser nicht mehr ihren Unmut bzw gleich zeigen konnten wo der Autor „irrt“. Gibt doch genügend Bsp. dafür. Es ist doch traurig in halbstündigen Satiresendungen mehr Informaton, Hintergründe, Zusammenhänge zufinden wie in unseren MSM.

    … und Vorwürfe gegen Journalisten kommen doch schon lange auch von nicht rechten und auch Journalisten selbst. Nein man schwimmt in seiner eigenen Blase und ignoriert alles andere. Andere Meinungen werden fast nicht mehr geduldet. Was ist eigentlich los in diesem Land?

    Ja, die Oberen sind für diese Lügenmärchen mitverantwortlich und haben in sicherlich auch gefördert.

    Mein Eindruck der Spiegel ging doch nur in die Offensive, weil diese Sache nicht mehr unter den Teppich gekehrt werden konnte.

    Anmerkung zum Schluss: Ich kann mich schon gar nicht mehr erinnern, wann ich zum letzten Mal den Spiegel gelesen habe. Ist schon einige Jahre her.

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    1. So groß meine Kritik am SPIEGEL in dieser Sache ist: Verallgemeinernde Pauschalurteile jeder Art lehne ich ab, auch zum Thema Medien/Journalismus. Dass der Journalismus sich „schon vor Jahren von Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit verabschiedet“ habe oder „andere Meinungen (…) fast nicht mehr geduldet werden“ halte ich für Pauschalurteile. Es gibt in diesem Land unzählige integre, sorgfältig arbeitende JournalistInnen, und es gibt viele verschiedene Medienerzeugnisse, die die gesamte Meinungs-Bandbreite von sehr links bis sehr konservativ/rechts abbilden: Nur weil man mit einer Meinung in der Minderheit ist oder ordentlich Gegenwind bekommt, heißt das noch nicht, dass man nicht geduldet wird.

      Dass die Kommentarspalten auf vielen Medien-Seiten abgeschaltet wurden, lag daran, dass dort zu viele Kommentare geschrieben wurden, die völlig unter der Gürtellinie formuliert waren oder von Trollen stammten: Sie zu moderieren wurde schlicht personell zu aufwendig, mal abgesehen davon, dass so gut wie jeder relevante Artikel auf FB erscheint und dort öffentlich kommentiert werden kann.

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  6. Daniel Anderson

    Sehr geehrte Frau Karnick, vielen Dank für Ihren Text. Ich fühle mich in der Annahme bestätigt, dass das Relotius’sche ein System ist, das es als vordringliche Aufgabe sieht, nicht zu informieren, sondern zu erziehen. Die Äußerungen der beiden neuen Chefredakteure beruhigen mich gar nicht, ganz im Gegenteil. Dass zusätzlich weiter relativiert und verharmlost wird – ‚mentale Zwangslage‘ – ist beschämend, aber andererseits nicht verwunderlich, denn zu einer schonungslosen Aufarbeitung gehört Charakter. Und, wie Sie ja schon so treffend bemerken, stehen uns sicherlich weitere Fälle ins Haus. Nachgerade der SPIEGEL hat sich beispielsweise mit seiner tendenziösen, einseitigen Berichterstattung über Israel schon seit einigen Jahren so positioniert, dass man ihn nicht mehr ernst nehmen kann. Verwunderlich ist tatsächlich, wie der Schreiber soviel Preise bekommen konnte. Das sollte allen zu denken geben. Mein erster Gedanke, als alles ans Licht kam: Klar, er hat es gemacht, weil es ging. Das größte, aber auch fragilste Kapital, dass ein unabhängiger Journalismus haben kann, die Glaubwürdigkeit, ist pulverisiert. Nochmals, vielen Dank für Ihren Text.

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  7. Nila E. Sebastian

    1974 hatte ich einen Freund, der sich vehement bei einer Redaktion beschwerte, weil durch Beschneiden eines Fotos aus einer anderen Zeitung ein völlig falscher Sachverhalt als wahr dargestellt wurde. Nach so langer Zeit weiß ich nicht mehr welche Zeitungen es waren.
    Die Medien Lügenpresse bzw. (manipuliertes)Lügen-TV zu nennen, ist manchmal nicht unberechtigt.
    Bei einem Filmbeitrag des damals noch SFB, in dem mein Partner und ich gefilmt wurden, wurde nur eine Szene gezeigt, die aus dem Zusammenhang gerissen, ein völlig falsches Bild vermittelte. Da wir unterschrieben hatten, konnten wir nicht dagegen klagen.
    Aus einem Interview als Beitrag für eine Psychologiearbeit machte eine Berliner TU-Diplomantin aus der Tatsache, dass ich einmal als ostdeutsche Mädchen vergeblich versucht hatte, in Hessen eine Flasche Schnaps gegen ein Kilo Mehl einzutauschen, die Behauptung, ich hätte als Zwölfjährige in einer Kleinstadt Schwarzhandel betrieben.
    Relotius ist also nichts umwerfend Neues. Wahrscheinlich wurde niemand persönlich diffamiert.

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